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Stand: 9. September 2018 

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"The Chronical-Letters"

VII. Brief  an die Chronisten
Datum : 5. Januar 2000 
Verfasser :  Sese „Goron“ Herler
   

 

Werte Chronisten!

Obwohl ich mich gerade in Greyhawk befinde, kann ich Euch diesen Bericht nicht persönlich überbringen ich habe noch eine wichtige Sache einen guten Freund betreffend zu erledigen.

Alles der Reihe nach, Goron, pflegte mein alter Lehrmeister in solchen Situationen zu sagen. Ich werde mich an diesen Vorsatz halten und versuchen, eine sinnvolle Ordnung in Wirrungen der letzten Tage bringen. Ich werde an dem Punkt fortfahren, an dem mein letzter Bericht endete.

Mit jedem Schritt, der uns tiefer in die innersten Heiligtümer des Tempels brachte, wurde meine Trauer von rasender Wut verzehrt. Je weiter wir vordrangen, desto brennender in mir der Zorn, nur vom einen Gedanken besessen, Selkais Mörder zu stellen und ihn und alle, die sich mir in den Weg stellen würden, zu töten. Die Rachegedanken machten mich blind, ich stürmte den anderen voran, als gäbe es keine Fallen, Hinterhalte oder sonstige Gefahren. Aber in diesem Moment wäre mir nicht lieber gewesen, als ein Monster oder Mensch, der so dumm gewesen wäre, sich mir und meiner unbändigen Wut in den Weg zu stellen. Mein Gesicht war immer noch gezeichnet, Blut, Ruß und Tränen hatten es zu einer schrecklichen Maske verzerrt. Das Haar verklebt, ob von Blut oder Schweiß war in dem Geflecht aus Strähnen nicht zu erkennen. Wütend flog eine Tür auf, ich hatte gehofft, sie aus dem angeln treten zu können, aber das können Cor und Athalarich wohl besser. Schnaufend stand ich in einem reich ausgekleideten Raum. Anthaias fand ein Tagebuch. Es stammte vom Priester in der Rüstung, er nannte sich Hendrak. Nach kurzer Lektüre überreichte er mir mit einem Lächeln das Buch und deutet auf eine Stelle. Sie nannte den feindlichen Magier beim Namen: Senshak. Sobald dies vorbei war, würde ich mich dieses Problems annehmen. Zufrieden lächelnd stand ich weiterhin im Raum, in Rachegedanken versunken. Die anderen durchsuchten derweil Hendraks Gemächer.

Nach kurzer Zeit hatte Nellain Pläne über dieses Stockwerk des Tempels gefunden. Dort waren auch Senshaks Gemächer verzeichnet. Mehr laufend als erforschend suchten wir die eingezeichneten Gemächer Senshaks, in der Hoffnung, ihn doch noch zu erwischen. Die rationelle Stimme, deren Rufen in meinem Kopf immer noch durch das wortlose Schreien des Zorns übertönt wurde, mahnte zur Vorsicht, eine Schlange, die in die Enge getrieben wird, ist am gefährlichsten. Mit flatternder Robe schritt ich auf die schwere Tür zu, meine Kameraden folgten Kopf schüttelnd, sie kannten mich nicht wieder, wagten aber auch nicht, mich jetzt zur Räson zu bringen. In Gedanken bereiteten sie sich wohl vor, mich aus einer Falle zu ziehen, oder irgendwelche Monster, die mich anfallen würden, zu vernichten. Wieder flog eine Tür auf, schnaufend blickte ich in das reich verzierte Gemach des Magiers. Wertvolle Seidenkissen bedeckten das Bett, einige Bücher lagen auf dem sauber aufgeräumten Schreibtisch. Eine Hintertür stand offen, ein Lichtschein fiel in unsere Richtung. Ohne zu zögern stürmten wir auf die Tür zu, Senshak sollte eine böse Überraschung erleben. Wir rannten in den Raum, der bis auf ein paar Kleinigkeiten leer war. Senshak war spurlos verschwunden, er hatte sogar noch die Möglichkeit gehabt, seine Siebensachen zu packen. Zum zweiten Mal an diesem Tag hallte ein Wutschrei aus meiner Kehle durch die unterirdischen Gewölbe des Tempels.

Kaum war dieser verklungen, mahnten mich meine Freunde endlich zur Ruhe, ich hätte mich jetzt lange genug nicht unter Kontrolle gehabt. Schnaufend stützte ich mich auf den Schreibtisch, die Fäuste geschlossen. Ich atmete schwer durch die Zähne, hob den Blick langsam, drehte meinen Kopf in Richtung meiner Freunde, blickte durch meine Haare, die mir strähnig ins Gesicht hingen, in ihre Gesichter. Die Wut in meinen Augen erlosch, ich richtete mich auf. Noch einmal tief durchgeatmet und ich versicherte ihnen ich hätte mich jetzt unter Kontrolle. Diesen Satz kommentierte Cor, der mich am längsten von allen und abgesehen von Selkai am besten kannte, nur mit einem zweifelnden Blick und hochgezogener linker Augenbraue.

Inzwischen hatten Nellain und Athalarich schon unser nächstes Ziel auf der Karte ausgemacht. Ein Raum, der das Zentrum des Tempels bildete, hatte ihr Interesse geweckt. Wesentlich vorsichtiger bewegten wir uns jetzt auf das innere Heiligtum, so unsere Vermutung, zu. Eine Treppe führte zu einem seltsam erleuchteten Raum hinab. Nellain schlich heran, warf einen Blick in die Tiefe, um eventuelle Fallen zu erspähen und setzte vorsichtig einen Fuß auf die erste Stufe. Kaum hatte er mit der Spitze seiner knirschenden Stiefeln den Stein berührt, wurde eine Explosion ausgelöst, der Barde wurde von der Druckwelle zurück geschleudert. Wir waren froh, als sich der dampfende Körper vor uns fluchend aufrichtete. „Verdammt! So ein Mist! Scheiß Magier! Bestimmt haben die irgendeine Scheißrune hingemalt, die nur sie sehen können ..!.:.!“ Den weiteren Wortlaut möchte ich Ihnen, werte Chronisten, ersparen. Während Athalarich die Verbrennungen des unablässig schimpfenden Barden versorgte, hatte Cor mal wieder eine seiner Ideen. Er klopfte seine Pfeife an einem Stiefel aus, der Tabak rauchte noch einige Augenblicke, bis die Feuchtigkeit des Bodens die Glut zum Erlöschen brachte. Aus eine seiner vielen Taschen holte er einen Rasierspiegel, der nicht als zu oft das Tageslicht erblickte und befestigte diesen am Pfeifenkopf mit Hilfe eines Bindfadens. Bevor ihn der Elfenprinz, Anthaias, daran hindern konnte, trat Cor an die Treppe heran und betrachtete diese mit dem Spiegel und einem Stein des dauerhaften Lichts. „Aha!“ rief er triumphierend, eine weitere Pfeife im Mundwinkel hängend, „Da haben wir’s!“ Er hatte auf der blickabgewandten Seite Runen entdeckt, die der ersten Stufe war verblasst. Um hinunter zu gelangen, mussten diese Runen beseitigt werden. Wie war die Frage...

Während die anderen diskutierten, gab ich meiner Ungeduld nach und schritt durch ein beschworenes Dimensionstor, das mich am Treppenende wiedererscheinen ließ. Ich blickte in einen Raum, dessen annähernd runde Form von einem seltsamen Licht erhellt wurde. Auf einer Erhöhung in der Mitte des Raumes befand sich ein Thron, der von einem Lichtkegel umgeben. Die Wände waren mit Fresken und Malereien verziert. Beim genaueren Hinsehen entpuppen sich die schillernden Farben als Edelsteine! Sie sind teilweise faustgroß! Staunend betrete ich den Raum. Hinter mir das Stimmengewirr meiner Freunde. Ich drehe mich um konzentriere mich und zerstöre die Runen, die die unteren zwei Drittel der Treppe bedecken, mit dem Zauber Magie bannen. Dann wende ich mich wieder dem Raum zu. Nach einigen Minuten stehen meine Kameraden neben mir. Die Gier steht Nellain ins Gesicht geschrieben, schnell hat er einen Dolch bei der Hand und beginnt, die ersten Steine aus der Wand zu lösen. Auch Athalarich hilft ihm, man könnte schließlich alles Geld gebrauchen. Ich bitte einen der beiden, mir einen Stein zu geben. Ich wiege das Gewicht des augapfelgroßen Rubins mit der Hand ab und werfe den Stein auf den Lichtstrahl, der aus der kuppelförmigen Decke auf den Thron fällt. Mit einem kurzen Blitz und einem hörbaren Zischen verdampft der Stein, ohne Spuren zu hinterlassen. Sofort beschimpfen mich die anderen ob dieser Verschwendung. Athalarich rechnet mir erneut vor wieviel ein Soldat der weißen Legion im Monat kostet und wie lange wir mit diesem Rubin unsere Armee hätten unterhalten können.

Zum einen gibt es hier noch genügend Schätze zum anderen ist die weiße Legion mit zwölfhundert Mann für eine Privatarmee groß genug. Viel wichtiger als der zahlenmäßige Ausgleich unserer Verluste wären magische Waffen, die die Brut Iuz´ verletzen könnten. Die Verluste der mittlerweile als historisch geltenden Schlacht um Fax. Damals, ja damals, verdammt, das ist gerade ein halbes Jahr her. Kaum einer unserer tapferen Mannen hatte das Gemetzel überstanden. Aber für jeden unserer Verluste hatte der Feind 100 Mann verloren. Der tapfere Dane Ranos hatte das Banner der weißen Legion bis zu seinem Tod hochgehalten. Auch danach hatte er es sich nicht entreißen lassen. Trotz unserer unglaublichen Verluste konnte der Feind geschlagen werden, nicht zuletzt wegen des unglaublichen Geschicks eines bis dahin wohl behüteten Elfenprinzen. Dieser unbedarfte Anthaias hatte seine erste Schlacht geschlagen und fünfhundert Elfenreiter in den Kampf geführt. Das wichtigste aber war, dass er mit einem schier unglaublichen Bogenschuss das Herz des kommandierenden Oberpriesters traf. Jetzt ist er ein wertvoller Begleiter geworden. Als der unselige Ork sein Leben ausgehaucht hatte, konnten wir die fliehenden Truppen aufreiben und Fax hatte gehalten. Die einzige Einheit, die keinen Verlust zu beklagen hatte, waren die Magierschüler. Sie sind die einzigen außer meinen Kameraden und mir, die den Dämonen Iuz´ Schaden zufügen können. Malon fer As´que und Nalfain da Estvir, der eine ein Reisegefährte, der andere ein Studienkollege hatten momentan die ehrenvolle Aufgabe, die Fähigkeiten der jungen Magier zu schulen, bald würde es gegen die Haupttruppen Iuz gehen, die wären sicherlich härter als die Truppen des Orkimperators.

Ich schweife schon wieder ab, ich bitte die werten Chronisten abermals um Verzeihung. Ich will weiter mit meinem Bericht fortfahren ...

Wir hielten es für klüger, nicht zu viele Edelsteine aus dem Raum zu entfernen, außerdem drängte die Zeit, Selkai musste in den Tempel gebracht werden. Das Geheimnis um den Thron und das seltsame Licht würde mir wohl noch einige Zeit zu denken geben. Cor und Athalarich trugen Selkais Körper hinauf in unseren Unterschlupf, wir anderen folgten schweigend. Im Wachturm angekommen, teleportierte ich uns ohne lange zu Zögern vor den Tempel Raos in Greyhawk. Athalarich sprach mit dem Patriarchen und kurze Zeit später wurde Selkais Körper in das Innerste des Tempels gebracht. Wir anderen merkten, wie müde wir waren und zogen uns in unser Haus zurück.

Die nächsten zwei Tage hieß es warten. Ich verließ mein Arbeitszimmer kaum, die anderen sah ich nicht ein einziges Mal. Am Abend des zweiten Tages stand ich am Kamin und blickte gedankenversunken in die Flammen. Die Tür öffnete sich langsam, ich hörte schwere Schritte, die sich ruhig auf mich zu bewegten, ich hörte das feine metallische Reiben eines Kettenhemds, das Schlagen von Metallplatte auf Metallplatte. Neben mir tauchte Athalarich auf. Seine Rüstung war makellos sauber und poliert, das Kettenhemd größtenteils von einer weißen Robe verdeckt. Unter einem Umhang verborgen konnte ich den reich verzierten Griff von fathers revenge aufblitzen sehen. Die weiße Robe wurde in das warme Licht der Flammen getaucht. Bevor er mich ansprach, wartete Athalarich den richtigen Augenblick ab, wie er es so oft tat, und hob dann an mit ruhiger, sonorer Stimme zu sprechen: „Die Götter, auch Rao, hielten es für klüger, Selkai ewig ruhen zu lassen. Sein Dienst scheint für dieses Leben und diese Welt erfüllt zu sein.“

Niedergeschlagen wandte ich meinen Blick Richtung Schreibpult, eine Ansammlung von Büchern und Schriftrollen bildete dort in wildem Durcheinander einen Berg aus Papier, Haut und Leder. Diese Schriften und Notizen, auf deren Entschlüsselung ich mich mit Selkai so gefreut hatte, erschien mir jetzt als zentnerschwere Last, als Bürde, eine Pflicht die mir auferlegt wurde. Abermals stiegt Trauer in mir auf, schnürte mir den Hals zu. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, meinte Athalarich nur: „Goron, ihr werdet schon einen Weg finden. Wir sollten uns von Selkai verabschieden und in seinem Namen und Gedenken unsere Feinde strafen!“ Ich biss mir auf die Lippen und ging mit dem Priester in unseren Salon, wo die anderen schon warteten. Wir entschlossen uns, morgen von Selkais sterblichen Überresten Abschied zu nehmen.  Ich entschloss mich, schon vorher in den Tempel zu gehen. Totenwache bei meinem Freund halten, wie es die Tradition geziemt. Die Hände in den Ärmeln meiner Robe verborgen schritt ich in die Totenhalle, die von einigen Feuern und einem seltsamen blauen Leuchten erhellt war. In abgelegenen Ecken tanzen einige Schatten, schaffen durch die Flammen der Feuer. Das blaue Leuchten schien Selkai und den Steinaltar, auf dem der Körper ruhte, zu umfließen. Die purpurrote Robe wies keine Spur des Kampfes auf, das Blut war heraus gewaschen worden, auch war sie feinst säuberlich von einem geschickten Schneider geflickt worden. Auch Selkais Haupt war gereinigt worden. Seine Hände friedlich vor der Brust gefaltet, das Gesicht frei von Schmerz und Anspannung, keine Spur der Sorgen und Beklemmung der letzten Tage und Wochen. Er sieht aus, als wurde er nur schlafen, allein die fahle Blässe, die durch das hellblaue Licht verstärkt wird, erinnert mich daran, das dies der ewige Schlaf sein wird.

Als sich Schritte nähern trete ich reflexartig zurück in den Schatten einer Säule. Athalarich betritt das Gewölbe, das stolze Haupt demütig gesenkt. Mit gezogenem Schwert kniet der Priester am Fußende nieder, Gebete rezitierend. Er verfällt schnell in einen Singsang, plötzlich fallen von der Decke blaue Funken, die meinen Klerikerfreund langsam umtanzen. Unfähig mich vor Staunen zu rühren, betrachte ich die Szenerie, gefesselt vom Farbspiel der glänzenden Rüstung, der tanzenden Funken vor der jetzt fast scharlachrot anmutenden Robe Selkais...

Nach langer Zeit, es mögen Stunden oder Minuten gewesen sein, erhebt sich Athalarich, tritt an Selkai heran, legt ihm die Hand auf die Schulter. Die Finger, die sonst fast ausschließlich in einem eisernen Handschuh verborgen sind, graben sich in den weichen Stoff der Robe. Leise trete ich heran, da dreht sich mein Freund um, kurz erkenne ich einen silbrigen Glanz in seinen Augen, der ist aber gleich verschwunden. Ich bitte ihn um Entschuldigung, ich wollte ihn nicht erschrecken. Athalarich meint nur, er habe mit Rao gesprochen, es ist noch nicht das letzte Wort über Selkais Tod gefallen. Mit einem Augenzwinkern und gewinnenden Lächeln dreht er sich zu unseren Freunden, die gerade die Totenhalle betreten. Schweigend verlassen wir die Halle, während Cor, Nellain und Anthaias schweigend neben Selkai stehen.

Am Abend treffen wir uns in unserer Stammkneipe, dem „Green Dragon Inn“. Das Nebenzimmer ist heute nur für uns reserviert, im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Kaum sitzen wir haben wir schon einen Humpen kühles Greyhawker Dunkles vor uns. Auch an Selkais Platz steht ein Krug. Wir trinken auf unseren Freund. Als er die zweite Runde bringt, meint unser Gastgeber mit einem Lächeln: „Werte Freunde! Wie ich Meister Selkai kannte, wäre es ihm sicherlich nicht recht, mit so langen Gesichtern an ihn zu denken. Sicherlich hätte er einen lockern Spruch für Euch, um Eure Laune zu steigern.“ Er hat recht, als wir alte Geschichten erzählen, scheint es fast, als sei Selkai unter uns und würde mit uns zechen.  Einige Runden später beschließen wir, ein letztes Mal für heute auf Selkai zu trinken. Schwankend erhebt ich jeder, der Alkohol zeigt seine Wirkung. Wir wollen nun gemeinsam Selkais Krug leeren, doch dieser ist, obwohl vorher voll und zwischenzeitlich nicht bewegt, leer...

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Goron „Sese“

   
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  • Sese „Goron“
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  • Nicolas „Nellain“ Wachter
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